Kurzgeschichten · 22. März 2020
Mein Schwiegervater liebt die bayerischen Alpen, ich die Literatur. So vereinbaren wir einmal einen Familienausflug auf die Tuften, Thomas Haus in Tegernsee. Zugegeben: Thoma gehörte bis dato nicht zu meinen Lieblingsautoren – ehrlich gesagt hatte ich bis zu diesem Ausflug noch nicht eine Zeile von ihm gelesen. Bekannt waren mir seine Lausbubengeschichten oder der Einakter Erster Klasse durch, gelinde gesagt, süßliche Verfilmungen, die Filserbriefe kannte ich zwar vom Titel, aber nicht...
Kurzgeschichten · 18. Februar 2020
Eigentlich gehören weder mein Mann noch ich zu den Sammlernaturen. Trotzdem verfügen wir in unserem Haus allmählich über eine beachtliche Kollektion an Eulen der unterschiedlichsten Größen und Materialien – allesamt Geschenke. Dass wir ausgerechnet mit Eulen beschenkt werden, hat seinen Grund in einer Familientradition: Besucher, die zu uns kommen, werden gebeten, sich mit einer Eule im Gästebuch zu verewigen. Wieso ausgerechnet Eulen? werden wir immer wieder gefragt. Die Gründe...
Kurzgeschichten · 07. Februar 2020
Der Leser möge mir verzeihen, wenn ich mit diesem Titel Anleihen bei Fontane nehme; immerhin wurde die Autorin, um die es in diesem Porträt geht, passenderweise mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet. Doch das ist nicht der eigentliche Grund. 'Unwiederbringlich' deshalb, weil Annette Kolb in ihrem Roman Die Schaukel in eine Welt entführt, die zur Entstehungszeit des Werks bereits unwiederbringlich vergangen ist. Ihr Roman ist wie der Schwanengesang auf eine verschwundene Welt. Er versetzt seine...
Kurzgeschichten · 24. Januar 2020
Heute habe ich die Hoffnung begraben. Einfach so. Ohne großes Tamtam. Ich habe sie in eine gebrauchte Schachtel gelegt, die seit Tagen zufällig von einer Paketsendung in der Wohnung rumstand, und sie zum alten Gerümpel in den Keller getragen. Danach habe ich die Fenster geöffnet, frische Luft hereingelassen und tief durchgeatmet. Die Wohnung kam mir mit einem Mal geräumiger vor, irgendwie strahlender, wie von altem Staub und Moder befreit. Und weil auch ich mich frischer, ja geradezu...
Kurzgeschichten · 20. Dezember 2019
Den Bürgermeister hatte er schon erspäht. Der saß gemeinsam mit Frau und Kindern einige Bänke vor ihm. Er würde ihn später draußen noch in ein Gespräch verwickeln, das würde zumindest für ein wenig zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit sorgen. Ansonsten war von den Honoratioren keiner da. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Später, in der Christmette für die Erwachsenen, würde es anders sein. Da war er sich sicher. Er hatte sich dennoch für den Besuch der Kindermette am späten...
Romanauszug · 07. Dezember 2019
Zu meiner großen Verwunderung empfing mich seine Exzellenz Fürstbischof Johann Anton von Zehmen höchstpersönlich, doch ohne die übliche Etikette. Er winkte mich einfach an seinen Schreibtisch, während der anwesende Schreiber unverzüglich hinaus befohlen wurde. Nun war ich mit seiner Durchlaucht alleine im Zimmer. Ich hatte den Fürstbischof zwar vorher noch nie leibhaftig zu Gesicht bekommen und kannte ihn nur von Gemälden, doch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, er wirke...
Romanauszug · 01. Dezember 2019
Der Blick aus dem Fenster zeigt kein Gegenüber, obwohl ich in einer der eng bebauten Gassen unweit des Marktplatzes untergekommen bin. Selbst bei Sonnenschein verbreiten sie einen gewissen Trübsinn, wenn man mit der Hand vom eigenen Fenster fast zu dem des Nachbarn greifen kann. Jetzt aber scheint es, als gäbe es außerhalb meiner öden Kammer überhaupt nichts mehr. Es herrscht Nebel, Nebel und noch mal Nebel. Undurchdringliches Grau, dass man die Hand vor den Augen nicht sieht — und das...
Romanauszug · 22. November 2019
1. Tag „Fra poco morirò purtroppo qui. Nun werde ich also doch hier sterben.“ Der Junge wäre beinahe vor Schreck selbst tot umgefallen, als er die Worte hörte. In der Überzeugung, es sei niemand hier drinnen, hatte er der Magd zu Gefallen Brennholz in die Stube getragen. Zunächst hatte er gar nicht gewusst, woher die Stimme eigentlich kam. Dann sah er den Alten, ein Häuflein Mensch nur noch im hohen Lehnstuhl und kaum sichtbar unter den Decken. Er wusste nicht, wie er seine bloße...
Kurzgeschichten · 25. Oktober 2019
Einer der für mich bedeutendsten Sätze aus der antiken Philosophie stammt von Heraklit und lautet panta rhei, alles fließt. Ein Satz, der das ewige Schweben allen Seins zwischen Noch-nicht und Nicht-mehr beschreibt. Das gilt nicht nur für unsere individuelle, flüchtige Existenz, für unser persönliches Werden und Wachsen: Wie Wasser quillt, sprudelt, schwillt, tost, mündet, versickert, manchmal versiegt oder sich unsichtbar seinen Weg bahnt, um an anderer, unvermuteter Stelle wieder zu...
Kurzgeschichten · 19. Oktober 2019
Der Tag des offenen Denkmals hält diesmal etwas ganz Besonderes für mich bereit: ein königliches Liebesnest in der Gestalt eines einfachen Bauernhauses. Ich bin gespannt, was uns erwartet, und so machen mein Mann und ich uns an einem wunderbaren Spätsommervormittag auf zu einem kleinen Ausflug. Idyllisch am Isarhochufer direkt neben dem Gut Menterschwaige gelegen, das schon seit über hundert Jahren ein beliebtes Ausflugsziel für die Münchner ist, befindet sich eben dieses königliche...

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