Romanauszug · 12. Oktober 2019
Fast genau ein Jahr nach Theoderich war in Konstantinopel auch der oströmische Kaiser Justin gestorben. Sein Neffe Justinian war ihm auf den Thron nachgefolgt. Justin war, freundlich formuliert, von sehr einfacher Abstammung gewesen und über eine Militärkarriere schließlich an die Macht gekommen. Böse Zungen behaupteten, er habe seine Muttersprache Griechisch nur ungepflegt und Latein überhaupt nicht gesprochen und weder lesen noch schreiben können. Doch das nur nebenbei bemerkt. Der...
Romanauszug · 05. Oktober 2019
Bedenke, dass du sterblich bist, mahnte in vergangen Zeiten ein Einflüsterer, wenn ein siegreicher Feldherr in purpurner Toga, bestickter Tunika und mit Lorbeer geschmückt sich für seine militärischen Erfolge mit einem Triumphzug feiern ließ. Auf dem Gipfel seines Ruhms sollte der Sieger so an die Wankelmütigkeit des Schicksals erinnert werden, das ihn trotz allem immer noch treffen und niederstrecken konnte. Längst war dieser altrömische Brauch schon in Vergessenheit geraten. Sonst...
Essay · 03. Oktober 2019
Sommer 1968 am Grenzübergang nach Salzburg. Im Schneckentempo bewegt sich unser VW Käfer Richtung Grenzabfertigung. Die Hitze im Wagen ist kaum auszuhalten, langweilig ist uns nach der langen Fahrt auch. Schließlich sind wir schon vor über einer Stunde aus München losgefahren. Wir Kinder, sechs, drei und knapp zwei Jahre alt, sind quengelig. Wir wollen raus aus dem Auto, ankommen, Oma, Opa, Tante und Onkel besuchen. Aber die Warteschlange vor uns ist endlos und die Zöllner heute offenbar...
Lyrik · 02. September 2019
Weg war sie nie. Doch hat sie’s Maul gehalten, nachdem in tiefste Schande sie das Volk gestürzt. Nun sieht sie ihre Zeit erneut gekommen, steht auf in ihrer ganzen Hässlichkeit und grölt nach einem Führer, der ihr zum Sieg verhelfe, zum Endsieg gar – Auf dass der Geist nie wieder störe die Weltsicht, die die Dummheit sich gebar.
Romanauszug · 17. August 2019
Nie hätte ich gedacht, dass so etwas möglich ist. Ich glaube es jetzt noch nicht, will es nicht glauben. Und doch beweist schon die Tatsache, dass ich unsere kindische Geheimschrift wieder verwende, dass ich gegen meinen Willen mit mehr als einer Faser überzeugt bin, dass es doch möglich ist. Was habe ich früher über Ulis Schrift gespottet und über die banalen Geheimnisse, die sie wahrscheinlich dahinter verbarg. Harmlose Kindereien. Und jetzt fülle ich selbst Seiten mit diesen Zeichen...
Lyrik · 03. August 2019
Stilles Glück Die Morgensonne lacht durchs Fenster unten zieht der Fluss vorbei. Eine Nacht ohne Gespenster keine Sorgen, kein Geschrei. Auf der sanft gekrausten Fläche spiegelt hell das Sonnenlicht - dieser Tag ist mir gegeben, alles andere frag’ ich nicht. © by Elisabeth Schinagl 2019 Alle Rechte vorbehalten
Lyrik · 25. Mai 2019
Die Preisverleihung Ein Wettbewerb, so dacht’ ich mir, das ist genau mein Fall, mein Bier. Da muss ich hin, da muss ich sein! Mir fallen schöne Worte ein, die von der Bühne ich verkünde, das Publikum mich gut verstünde. So setze ich mich also hin, den guten Text nur noch im Sinn. Ich wähl’ die Worte, mühe mich, der Kopf qualmt mir ganz fürchterlich. Ein Text entsteht, er ist famos, ganz tiefgründig und wirklich groß. Den reiche ich ganz stolz jetzt ein - bald werde ich...
Kurzgeschichten · 17. Mai 2019
Im Würzburger Liebesgärtlein Diese Geschichte verdanke ich einer lieben jungen Bekannten. Gemeinsam mit ihrer Freundin besuchte sie den Grashof des Kreuzgangs im Würzburger Neustift, das sogenannte Lusamgärtlein, ein kleines, romantisch abgeschirmtes Geviert, das von den Einheimischen zärtlich das Liebesgärtlein genannt wird. Man hatte den beiden Studentinnen erzählt, dass unglücklich Liebende dorthin kommen und Blumen auf einen Stein legen; sobald die Blumen verwelkt sind, soll dann...
Kurzgeschichten · 16. März 2019
Die ersten Male hatte sie es einfach für einen belanglosen Zufall gehalten, ein Versehen. So etwas konnte vorkommen. Dann stellte sie erstaunt fest, dass sich die vermeintlichen Zufälle häuften. Und nun das. Sie waren eine ganze Zeit lang im selben, halb leeren Bus gefahren. Unmöglich, einander da nicht zu bemerken. Trotzdem tat er so als sehe er sie nicht, als wäre sie nicht zur selben Zeit mit ihm hier drinnen oder doch nur ein beliebiger, weiterer Fahrgast, eine ihm unbekannte Frau....
Lyrik · 31. Dezember 2018
Zum neuen Jahr Das alte Jahr ist grad vergangen das neue hat kaum angefangen. Dreihundertfünfundsechzig Tage - gar mancher stellt sich leis die Frage, was es wohl alles bringen werde an Freuden und auch an Beschwerde. Mein lieber Freund, ich weiß es nicht. Doch wünsch ich dir mit dem Gedicht Gesundheit, Mut und Zuversicht. Vertreib die Sorgen, nähr sie nicht! © by Elisabeth Schinagl 2019 Alle Rechte vorbehalten

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