Romanauszug · 07. Dezember 2019
Zu meiner großen Verwunderung empfing mich seine Exzellenz Fürstbischof Johann Anton von Zehmen höchstpersönlich, doch ohne die übliche Etikette. Er winkte mich einfach an seinen Schreibtisch, während der anwesende Schreiber unverzüglich hinaus befohlen wurde. Nun war ich mit seiner Durchlaucht alleine im Zimmer. Ich hatte den Fürstbischof zwar vorher noch nie leibhaftig zu Gesicht bekommen und kannte ihn nur von Gemälden, doch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, er wirke...
Romanauszug · 01. Dezember 2019
Der Blick aus dem Fenster zeigt kein Gegenüber, obwohl ich in einer der eng bebauten Gassen unweit des Marktplatzes untergekommen bin. Selbst bei Sonnenschein verbreiten sie einen gewissen Trübsinn, wenn man mit der Hand vom eigenen Fenster fast zu dem des Nachbarn greifen kann. Jetzt aber scheint es, als gäbe es außerhalb meiner öden Kammer überhaupt nichts mehr. Es herrscht Nebel, Nebel und noch mal Nebel. Undurchdringliches Grau, dass man die Hand vor den Augen nicht sieht – und das...
Romanauszug · 22. November 2019
1. Tag „Fra poco morirò purtroppo qui. Nun werde ich also doch hier sterben.“ Der Junge wäre beinahe vor Schreck selbst tot umgefallen, als er die Worte hörte. In der Überzeugung, es sei niemand hier drinnen, hatte er der Magd zu Gefallen Brennholz in die Stube getragen. Zunächst hatte er gar nicht gewusst, woher die Stimme eigentlich kam. Dann sah er den Alten, ein Häuflein Mensch nur noch im hohen Lehnstuhl und kaum sichtbar unter den Decken. Er wusste nicht, wie er seine bloße...
Kurzgeschichten · 25. Oktober 2019
Einer der für mich bedeutendsten Sätze aus der antiken Philosophie stammt von Heraklit und lautet panta rhei, alles fließt. Ein Satz, der das ewige Schweben allen Seins zwischen Noch-nicht und Nicht-mehr beschreibt. Das gilt nicht nur für unsere individuelle, flüchtige Existenz, für unser persönliches Werden und Wachsen: Wie Wasser quillt, sprudelt, schwillt, tost, mündet, versickert, manchmal versiegt oder sich unsichtbar seinen Weg bahnt, um an anderer, unvermuteter Stelle wieder zu...
Kurzgeschichten · 19. Oktober 2019
Der Tag des offenen Denkmals hält diesmal etwas ganz Besonderes für mich bereit: ein königliches Liebesnest in der Gestalt eines einfachen Bauernhauses. Ich bin gespannt, was uns erwartet, und so machen mein Mann und ich uns an einem wunderbaren Spätsommervormittag auf zu einem kleinen Ausflug. Idyllisch am Isarhochufer direkt neben dem Gut Menterschwaige gelegen, das schon seit über hundert Jahren ein beliebtes Ausflugsziel für die Münchner ist, befindet sich eben dieses königliche...
Romanauszug · 12. Oktober 2019
Fast genau ein Jahr nach Theoderich war in Konstantinopel auch der oströmische Kaiser Justin gestorben. Sein Neffe Justinian war ihm auf den Thron nachgefolgt. Justin war, freundlich formuliert, von sehr einfacher Abstammung gewesen und über eine Militärkarriere schließlich an die Macht gekommen. Böse Zungen behaupteten, er habe seine Muttersprache Griechisch nur ungepflegt und Latein überhaupt nicht gesprochen und weder lesen noch schreiben können. Doch das nur nebenbei bemerkt. Der...
Romanauszug · 05. Oktober 2019
Bedenke, dass du sterblich bist, mahnte in vergangen Zeiten ein Einflüsterer, wenn ein siegreicher Feldherr in purpurner Toga, bestickter Tunika und mit Lorbeer geschmückt sich für seine militärischen Erfolge mit einem Triumphzug feiern ließ. Auf dem Gipfel seines Ruhms sollte der Sieger so an die Wankelmütigkeit des Schicksals erinnert werden, das ihn trotz allem immer noch treffen und niederstrecken konnte. Längst war dieser altrömische Brauch schon in Vergessenheit geraten. Sonst...
Essay · 03. Oktober 2019
Sommer 1968 am Grenzübergang nach Salzburg. Im Schneckentempo bewegt sich unser VW Käfer Richtung Grenzabfertigung. Die Hitze im Wagen ist kaum auszuhalten, langweilig ist uns nach der langen Fahrt auch. Schließlich sind wir schon vor über einer Stunde aus München losgefahren. Wir Kinder, sechs, drei und knapp zwei Jahre alt, sind quengelig. Wir wollen raus aus dem Auto, ankommen, Oma, Opa, Tante und Onkel besuchen. Aber die Warteschlange vor uns ist endlos und die Zöllner heute offenbar...
Lyrik · 02. September 2019
Weg war sie nie. Doch hat sie’s Maul gehalten, nachdem in tiefste Schande sie das Volk gestürzt. Nun sieht sie ihre Zeit erneut gekommen, steht auf in ihrer ganzen Hässlichkeit und grölt nach einem Führer, der ihr zum Sieg verhelfe, zum Endsieg gar – Auf dass der Geist nie wieder störe die Weltsicht, die die Dummheit sich gebar.
Romanauszug · 17. August 2019
Nie hätte ich gedacht, dass so etwas möglich ist. Ich glaube es jetzt noch nicht, will es nicht glauben. Und doch beweist schon die Tatsache, dass ich unsere kindische Geheimschrift wieder verwende, dass ich gegen meinen Willen mit mehr als einer Faser überzeugt bin, dass es doch möglich ist. Was habe ich früher über Ulis Schrift gespottet und über die banalen Geheimnisse, die sie wahrscheinlich dahinter verbarg. Harmlose Kindereien. Und jetzt fülle ich selbst Seiten mit diesen Zeichen...

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