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Kaffeehausliebhaber

Dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs hat München über verschiedene Wege und Umwege zwei ursprünglich Dresdner Gewächse zu verdanken: Mein Lieblingscafé Kreutzkamm, berühmt für seinen original Dresdner Baumkuchen und bis zu seinem Umbau mit seiner angenehmen Atmosphäre ein idealer Rückzugsort nach einem harten Arbeitstag oder wenn mein wundes Herz aus anderen Gründen Linderung brauchte. Für mich der ideale Ort, um über Gott und die Welt nachzudenken oder einfach die Seele baumeln zu lassen.

Das zweite Dresdner Gewächs, das es nach dem Krieg nach München verschlug, war Erich Kästner, am 23. Februar 1899 dort geboren und seines Zeichens genau wie ich bekennender Kaffeehausliebhaber. Den meisten ist er wohl eher als Kinderbuchautor, weniger als kritischer Moralist der Weimarer Republik bekannt. Der Kästner der Vorkriegszeit, der Autor des Romans Fabian, er ist freilich untrennbar mit Berlin verbunden. Nirgendwo sonst, schon gar nicht im eher kleinbürgerlich, ländlich geprägten München, hätte er gedeihen können. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Neben Dresden, seiner Geburtsstadt, der Stadt seiner Jugendjahre, wird Berlin in Kästners Herz immer einen besonderen Platz einnehmen. Hier hat er die schönste, dann aber wohl auch die schwerste Zeit seines Lebens verbracht, auf alle Fälle die entscheidenden, ihn prägenden Jahre.

Die Beziehung zu München ähnelt da eher einer Vernunftehe. Aber solche Beziehungen sind ja oft auch nicht die schlechtesten. Das Leben geht oft sehr verschlungene Pfade, und auf eben solchen kommt der 46-jährige Kästner nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach München, um dort, mit kurzen Unterbrechungen, für die nächsten knapp 30 Jahre bis zu seinem Lebensende zu bleiben.

Erich Kästner in München, das ist nicht mehr der Autor, der er in Berlin war, der Beobachter einer pulsierenden europäischen Großstadt, der Gesellschaftskritik unerbittlich auf den Punkt bringt. Wie auch? Als nahezu einziger der von den Nazis verbotenen und verbrannten Dichter ist er in Deutschland geblieben statt zu emigrieren. Er wollte Augenzeuge sein und außerdem konnte und wollte er seine alten Eltern nicht im Stich lassen. So blieb er und harrte trotz Schreibverbot aus. Was aber ist ein Schriftsteller, wenn er nicht mehr schreiben darf?

Zwölf lange Jahre einer Schreckensherrschaft, die Zerstörung der geliebten Städte Dresden und Berlin, ja eines ganzen Landes, der Verlust von Freunden, eine zerbombte Wohnung, in der sich Tausende von Büchern und seine eigenen Manuskripte befanden – all dies lässt sich nicht ungeschehen machen. Die Zeit ist kaputt lässt er gegen Ende des Kriegs Baron Münchhausen in einem Film, für den er inkognito das Drehbuch schreibt, sagen. Das gilt für Kästner ebenso sehr wie für viele andere. Aber: Resignation ist kein Gesichtspunkt. Er hat überlebt, physisch und psychisch, und er macht weiter, dichtet an gegen Dummheit und Ignoranz, für Frieden und eine bessere Gesellschaft, auch wenn er erkennt, man altert nicht von ungefähr. Man rennt nicht ein Leben lang mit demselben Kopf gegen dieselben Wände. Immer wieder kommen Staatsmänner mit großen Farbtöpfen des Wegs und erklären, sie seien die neuen Baumeister. Und immer wieder sind es nur Anstreicher. Die Farben wechseln und die Wände bleiben.

In München wird Kästner zunächst Leiter des Feuilletons der Neuen Zeitung und Herausgeber der Kinderzeitschrift Pinguin, daneben schreibt er für das Kabarett Die Schaubude.

Mit seinen Texten begleitet Kästner die junge Bundesrepublik kritisch und nach wie vor nicht zur reinen Freude der Politik. Mit seinem Eingangsgedicht wird 1951 in München das Kabarett Die Kleine Freiheit eröffnet, von diesem Gedicht Kästners erhält es seinen Namen.

Ich laufe durch den Münchner Stadtteil Bogenhausen, am Herzogpark entlang zur Flemingstraße. Es ist eine ruhige, lange Straße mit stattlichen Villen. Ich muss, während ich mich zur Nummer 52 vorarbeite, an Kästners Gedicht Vorstadtstraßen denken, in dem er die Tristesse kleinbürgerlicher Vorstädte beschreibt. Kästner ist in solch einer Vorstadtstraße aufgewachsen, wo es nach Fisch, Kartoffeln und Benzin roch.

In diesen Straßen dürfte niemand wohnen, fand er und hat diese Erkenntnis in seinem Leben so konsequent wie möglich umgesetzt. Der Kontrast der Vorstadtstraßen zu seinem Münchner Domizil könnte nicht größer sein. Flemingstraße 52 ist ein weiß gestrichenes Doppelhaus aus den 50er Jahren, ohne irgendeinen Hinweis auf seinen früheren Bewohner, und ich bin unsicher, ob ich hier überhaupt vor der richtigen Adresse stehe. Zum Glück verlässt gerade eine ältere Dame das Haus und ich höre, wie sie sich auf Italienisch von ihren Enkeln verabschiedet. So kratze ich mein Italienisch zusammen und erkundige mich bei ihr, ob sie etwas von einem scrittore wisse, der hier einmal gewohnt haben soll. Ja, davon hat sie gehört, ein Autor von Kinderbüchern, so viel verstehe ich. 1953 ist Kästner mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Luiselotte Enderle hier eingezogen.

Geschrieben hat er hier freilich kaum. Zum Schreiben ging Kästner, der distinguierte Herr im Anzug, mit Hut und eingerolltem Regenschirm, ob in Dresden, Berlin oder München, stets in ein Kaffeehaus. Dort fand er seine Inspirationen, dort konnte er kreativ sein. Sein Lieblingscafé, das Café Benz in der Leopoldstraße, gibt es leider nicht mehr, ebenso wenig wie die einstige Atmosphäre des Café Kreutzkamm. Ich kann Kästner in diesem Punkt nur recht geben: Die guten Zeiten haben alle einen Fehler – sie gehen vorbei.

Verglichen mit den Villen ringsum nimmt sich Kästners ehemaliges Wohnhaus bescheiden aus, kein Vergleich mit dem stattlichen Anwesen der Familie Thomas Mann, die vor dem Krieg nur ein paar hundert Meter entfernt in der Poschingerstraße residierte. Und doch war es in mehrfacher Hinsicht ein weiter Weg für den Sohn armer Eltern in diesen noblen Stadtteil Münchens. Ein langer, in mancherlei Hinsicht steiniger Weg. Aber: Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.

Es ist ihm gelungen.

 

© by Elisabeth Schinagl 2020

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