· 

Unwiederbringlich oder: Dame mit Hut

Der Leser möge mir verzeihen, wenn ich mit diesem Titel Anleihen bei Fontane nehme; immerhin wurde die Autorin, um die es in diesem Porträt geht, passenderweise mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet.

 

Doch das ist nicht der eigentliche Grund. 'Unwiederbringlich' deshalb, weil Annette Kolb in ihrem Roman Die Schaukel in eine Welt entführt, die zur Entstehungszeit des Werks bereits unwiederbringlich vergangen ist. Ihr Roman ist wie der Schwanengesang auf eine verschwundene Welt. Er versetzt seine Leser in die Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es ist die Welt der gehobenen Gesellschaft, eine Welt der Heiterkeit, des Stils und des guten Geschmacks, eine Welt der Teegesellschaften, der Bälle und Sommerfrischen im bayerischen Voralpenland, in Lenggries und Tegernsee, eine Welt mit Opernbesuchen und Droschkenfahrten, eine Welt, in der Töchter aus gutem Hause Klavier spielen lernen – und ansonsten auf ihre Verheiratung warten.

In diese Welt wurde Annette Kolb 1870 hineingeboren. Wie Traumwandler bewegen sich ihre Figuren darin, nicht ahnend, dass sie bereits zum Untergang verdammt ist.

 

Und sie tanzen ... vorbei, all die Lämmer, in dem hellen, dem berüschten, dem mit Röschen bestickten Tüll, den gerafften, den von Schleifen gehaltenen Röckchen, und so manches Band weht ihnen im Kreise nach. Ah-, lasst sie tanzen, die Kinder, in keine schöne Zeit wachsen sie hinein, Kriegswitwen, verlassene Bräute werden es sein ... Noch ist eine Gnadenfrist gegeben. Die Hölle hat sich noch nicht aufgetan, und noch ist hier ein Volk auf dem Höhepunkt seines Glückes, verführbar wie kein zweites, das die Zeichen falsch vom Himmel liest. Politische Ahnungslosigkeit ist seine kapitale Schuld. Dafür wird es sich eines Tages in seiner besten Art negiert, mit Skorpionen gegeißelt sehen.

 

Mein Streifzug führt mich in den Alten Botanischen Garten in München. Die Stadt ist ja mit Parks und Grünanlagen gesegnet: Allen voran natürlich der Englische Garten, aber auch der Hofgarten, die Parkanlagen in Nymphenburg und der Neue Botanische Garten, die Isarauen und der Cosimapark – da geht der Alte Botanische Garten zwischen Lenbachplatz und Hauptbahnhof gelegen, etwas unter.

 Frühlingserwachen mitten in München. Noch sind die Bäume kahl, aber an den Forsythiensträuchern zeigt sich schon ein Hauch von Gelb. Die Grünflächen sind übersät mit Winterlingen, Krokussen, Schneeglöckchen, Blausternen – und sonnenhungrigen Münchnern. Rechts von mir der alte Justizpalast, vor mir durch die kahlen Bäume gut sichtbar die Türme der Frauenkirche, so ist dieser nicht sehr große Park der ideale Schauplatz für diese Geschichte. Bis 1931 stand hier der Münchner Glaspalast, ein Symbol des Fortschritts am Ende des 19. Jahrhunderts, dessen Nachbarschaft das Leben der Familie Lautenschlag leitmotivisch begleitet. Und immer noch, oder richtiger gesagt heute wieder, stimmt Kolbs Beschreibung ihrer Geburtsstadt: München gleicht einer gefeierten Frau, lächelnd ihrem Triumph hingegeben, sie war heiter, feiertäglich und international wie keine zweite.

 

 Wer ist diese Frau, die mit den Lautenschlags das Leben ihrer eigenen Familie romanhaft erzählt? Außergewöhnlich, extravagant, so viel lässt sich schon aus den Photographien ablesen. Keine Schönheit im landläufigen Sinn vielleicht, dafür aber eine Grande Dame mit Ausstrahlung, das sieht man. Und auf alle Fälle eine Dame mit Hut. Man könnte sagen, sie habe den Hut zu ihrem Markenzeichen gemacht, und sie wirkt damit auf allen Abbildungen wie aus der Zeit gefallen, eine Verkörperung des späten 19. Jahrhunderts bis zu ihrem Lebensende 1967.

 Aber der Schein trügt. Kolb ist alles andere als konservativ. An ihrer Biographie lassen sich exemplarisch fast hundert Jahre bewegteste deutsche Geschichte unmittelbar miterleben.

 

Der Erste Weltkrieg war ohne Zweifel für die allermeisten Menschen eine Katastrophe; für Annette Kolb jedoch in ganz besonderer Weise: Als Tochter einer französischen Künstlerin und eines bayerischen Vaters wird sie nun in beiden Ländern zur vermeintlichen Feindin, wird in beiden misstrauisch beäugt.

 Ihre Heimat, Bayern, das heiterste und ahnungsloseste aller Länder, München, die individualistischste Stadt der Welt, sie verändern ihr Gesicht. Nolens volens wird aus der geborenen Münchnerin über viele Jahrzehnte ihres langen Lebens eine moderne Nomadin. Bern, Badenweiler, Sanary sur Mer, New York und Paris werden Stationen ihres Weges. Auch Die Schaukel entsteht 1934 im Exil. Man braucht kaum zu erwähnen, dass Annette Kolb den Nazis wie alle kritischen Geister ein Dorn im Auge war. Bereits während des Ersten Weltkriegs hatte sie sich für den Frieden eingesetzt. Als eine der wenigen erkennt sie den Wahnsinn eines Krieges, während in vielen Teilen Europas die Massen ihrem Untergang noch jubelnd entgegen ziehen. Ihre Kritik bleibt nicht folgenlos. Kolb wird mit Sanktionen belegt, nur unter Schwierigkeiten bekommt sie eine Ausreisegenehmigung in die Schweiz.

 

Der Krieg kostet nicht nur rund 17 Millionen Menschen das Leben, er reißt auch Konventionen nieder. Manche Frauen wagen in den Folgejahren neue Wege, Annette Kolb ist ein davon. Der Genius des Geldes wird ihr zwar zukünftig ebenso wenig gewogen sein wie der Familie Lautenschlag im Roman, aber Kolb bewahrt sich etwas ungleich Wichtigeres: ihre Unabhängigkeit. Bis ins hohe Alter hinein ist sie literarisch, musikalisch, journalistisch und politisch aktiv und reiselustig.

 

Die Schaukel endet mit dem Tod der schönen Schwester Hespera, aber Mathias, Kolbs Alter Ego und ihre andere Schwester, sie überleben.

Gervaise und Mathias, stets am Rande einer Katastrophe sich bewegend, sie sehen sich verschont. Behütet, sagen wir. Nichts Untragbares – doch ist hier freilich dem einen geringfügige Last nur, was den anderen ganz und gar zerbräche – wird ihnen aufgebürdet. Sie dürfen ihre Unabhängigkeit bewahren; frei dürfen sie zu ihrer Meinung sich bekennen; nicht brauchen sie als Anbeterinnen zu stehen des Erfolgs. So darf ein Rest von Unbeschwertheit ihr Anteil werden.

 

Wie sich die Zeiten ändern: Die Tochter zweier Vaterländer, geboren im Jahr des deutsch-französischen Krieges, der die beiden Nationen zu 'Erbfeinden' und sie damit zur persona non grata macht, während der Weltkriege angefeindet für ihre 'pazifistischen Umtriebe', erhält schließlich, an ihrem Lebensabend, für eben dieses Engagement sowohl den Bayerischen Verdienstorden als auch den Orden der französischen Ehrenlegion.

 

1961 kehrt sie, 91-jährig, schließlich wieder dauerhaft nach München zurück. Sechs Jahre verlebt sie noch in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend und hier wird sie auch beerdigt.

Ihr Grab befindet sich auf dem kleinen, aber feinen Bogenhausener Friedhof, auf dem auch viele andere Prominente ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Der interessierte mich schon lange und so mache ich mich auf den Weg dorthin. Er liegt auf einer kleinen Anhöhe, unten von der Straße aus ist lediglich die Turmspitze der kleinen St. Georgs-Kirche zu sehen, der Friedhof selbst liegt hinter hohen Bäumen versteckt. Zu seinen Füßen rauscht ein kleiner Bach ein Specht pickt an einem Stamm. Ländliche Idylle, mitten in München. Es ist die Zeit der ersten Rosenblüte. Kolbs Grab befindet sich an der mit wildem Wein bewachsenen Friedhofsmauer, geschmückt wie die meisten mit einem schmiedeeisernen, schon etwas verrosteten Kreuz. Auf der Tafel sind nur ihr Name sowie Geburts- und Sterbetag verzeichnet. Ein bewegtes Leben komprimiert auf wenige, nichtssagende Daten.

 

 

© by Elisabeth Schinagl 2020

 Alle Rechte vorbehalten