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Unterwegs nach Europa

 

Sommer 1968 am Grenzübergang nach Salzburg. Im Schneckentempo bewegt sich unser VW Käfer Richtung Grenzabfertigung. Die Hitze im Wagen ist kaum auszuhalten, langweilig ist uns nach der langen Fahrt auch. Schließlich sind wir schon vor über einer Stunde aus München losgefahren. Wir Kinder, sechs, drei und knapp zwei Jahre alt, sind quengelig. Wir wollen raus aus dem Auto, ankommen, Oma, Opa, Tante und Onkel besuchen. Aber die Warteschlange vor uns ist endlos und die Zöllner heute offenbar besonders gründlich. Noch fünf Autos vor uns, noch vier, noch drei... Meine kleine Schwester fängt an zu brüllen. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit in brütender Hitze, sind wir an der Reihe. "Haben Sie etwas zu verzollen?", fragt der Beamte dienstbeflissen und völlig unbeeindruckt vom Kindergeschrei im Wageninneren. Da platzt meinem Vater der Kragen. "Ja!", brüllt er nun seinerseits: "eine verschissene Windel!"

 

Diese Episode erzählt man sich in meiner Familie heute noch. Sie ist aber nur eines von vielen Erlebnissen, die wir an Grenzübergängen hatten. Mein Vater kam aus Österreich zum Studieren nach München, wo er meine Mutter kennenlernte – und blieb. Streng genommen habe ich also einen Migrationshintergrund. Ja, ich, ein geborenes Münchner Kindl, besaß bis zu meiner Volljährigkeit die österreichische Staatsbürgerschaft und war somit "Ausländerin". Das hat mir während meiner ganzen Schulzeit einen kleinen Sonderstatus eingebracht. Ich war zwar nicht fremd im eigentlichen Sinn, ich war aber im Gegensatz zu meinen übrigen Klassenkameraden und -kameradinnen auch keine wirkliche Deutsche. Vielleicht ist mein literarisches Interesse an Grenzüberschreitungen im wortwörtlichen Sinn auf genau diesen Umstand zurückzuführen.

Tatsache ist: Bayern, im Herzen Europas gelegen, war immer auch Einwanderungsland. Über die Alpenpässe und auf Flüssen wie der Donau oder dem Inn wurden nicht nur Waren transportiert, sondern kamen immer auch Menschen. Viele von ihnen blieben für längere Zeit oder gar dauerhaft. Und sie haben mit ihren Erfahrungen, Gewohnheiten und Kenntnissen diesen Landstrich geprägt. Die kulturelle Entwicklung Bayerns, seiner Städte und Regionen in all ihren Eigenarten und Besonderheiten wäre überhaupt nicht denkbar ohne den Austausch mit unseren geografischen Nachbarn. Das zeigt bereits ein kurzer, schlaglichtartiger Blick in die Geschichte.

 

Fangen wir mit den Römern an: Fast überall in Bayern finden wir ihre Spuren. Städte wie Kempten, Augsburg, Regensburg oder Passau sind römische Gründungen. Und sogar die vermeintlich urbayerische Breze, verdankt ihre Bezeichnung als eines von vielen Lehnwörter dem Lateinischen.

 Iroschottische und angelsächsische Missionare wie Kilian oder Willibald sind es Jahrhunderte später, die das Land missionieren und mit Klostergründungen und Bischofssitzen erste Bildungseinrichtungen und Infrastruktur aufbauen.

 Das gesamte Mittelalter hindurch reisen die römischen Kaiser deutscher Nation immer wieder quer durch Europa, verheiraten und verschwägern sich Adelsfamilien über den gesamten Kontinent. Einer solchen Hochzeit verdanken beispielsweise die Landshuter ihr bekanntestes Fest, die Landshuter Hochzeit, die zur Erinnerung an die Heirat des bayerischen Herzogs Georgs des Reichen mit Hedwig Jagiellonica, Tochter des polnischen Königs Kasimir IV. Andreas, gefeiert wird. Das war im Jahr 1475. Knapp 300 Jahre zuvor war die Tochter des Andechser Grafen, Hedwigs Namensvetterin und spätere Schutzpatronin Polens, den umgekehrten Weg gereist, um Heinrich I. von Polen zu heiraten.

 

Doch nicht nur der europäische Adel unterhielt europaweite Beziehungen. Reiche Herrscherhäuser holten sich Künstler aus dem gesamten Kontinent an ihre Höfe. So führt der Weg des Musikers Orlando di Lasso beispielsweise von seiner Geburtsstadt Mons in Belgien über verschiedene italienische Städte nach Rom, von dort nach Antwerpen und schließlich weiter an den Hof Herzog Albrechts in München. Dass er dort schließlich sesshaft wurde, mag nicht nur am guten Salär, sondern auch an seiner Ehe mit Regina Wäckinger, der Tochter eines Landshuter Hofkanzlisten, gelegen haben.

 Jahrhundertelang begeisterte man sich in ganz Bayern für Architektur im italienischen Stil und holte sich Architekten und Maler aus Italien und Graubünden. Herzog Ludwig X. erbaute mit seine Landshuter Stadtresidenz den ersten Renaissancepalast nördlich der Alpen. Wenn München häufig als die nördlichste Stadt Italiens bezeichnet wird, so ist das eben auch italienischsprachigen Baumeistern aus dem Graubündner Misoxtal wie den Zuccallis oder Viscardis zuzuschreiben. Zahlreiche barocke Kirchen, Klosteranlagen, Bürgerhäuser und Schlösser verdanken ihre Gestalt diesen und anderen Graubündner Meistern. Weil ihre karge Heimat sie nicht ernähren konnte, machten sich viele von ihnen auf der Suche nach Arbeit als Baumeister, Maurer oder Stuckateure auf den beschwerlichen Weg über den San Bernardino Pass. Viele von ihnen fanden in Bayern eine neue Heimat. Man könnte diese Beispiele noch beliebig fortsetzen. Der kulturelle Austausch zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte.

 

Doch das ist leider nur die eine Seite der Medaille. Die bayerische Geschichte ließe sich ebenso wie die gesamteuropäische Geschichte auch ganz anders lesen: als eine nahezu ununterbrochene Aneinanderreihung von bewaffneten Konflikten und Kriegen. Insbesondere der 30-jährige Krieg, die napoleonischen Kriege, die beiden Weltkriege, später der Eiserne Vorhang bringen unermessliches Leid und unzählige Tote, entwurzeln und berauben zahlreiche Menschen ihrer Heimat.

Eine der Leidtragenden ist die Schriftstellerin und Pazifistin Annette Kolb. Ihr Schicksal steht beispielhaft für viele andere. 1870 in München geboren wird sie nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Tochter einer französischen Künstlerin und eines bayerischen Vaters als Kind "zweier Vaterländer" in beiden Ländern zur vermeintlichen Feindin. Als die Massen Europas ihrem Untergang noch jubelnd entgegen zogen, erkannte sie bereits den Wahnsinn eines Krieges. Prompt verhängte das Bayerische Kriegsministerium „wegen pazifistischer Umtriebe“ eine Brief- und Reisesperre gegen sie. Nur unter Schwierigkeiten bekam sie schließlich eine Ausreisegenehmigung in die Schweiz. Dass Kolb wie alle kritischen Geister später auch den Nazis ein Dorn im Auge war und abermals emigrieren musste, verwundert leider überhaupt nicht. Über viele Jahrzehnte ihres langen Lebens ist sie eine moderne Nomadin bevor sie hochbetagt endlich wieder in ihre Heimatstadt München zurückkehrt.

 

Was hat das alles mit der eingangs erwähnten Windelepisode zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht nichts. Bei genauerer Betrachtung aber sehr viel. Europa ist längst nicht nur ein Europa der Eliten, wie manche gehässig behaupten. Ich behaupte, es ist bereits mehr zusammengewachsen und in unserer Lebensrealität angekommen, als manch einer denkt. Ich rede dabei gar nicht vom Wirtschaftsraum Europa, der schon längst nicht mehr wegzudiskutieren ist. Ich meine die ganz private Lebensrealität vieler Hunderttausender in Bayern, Deutschland, ganz Europa. In meinem Bekanntenkreis habe ich Leute mit italienischen, französischen, spanischen, belgischen, niederländischen, englischen, ungarischen, tschechischen, oder irischen Ehe- oder Lebenspartnern. Deren Kinder wachsen ganz selbstverständlich als Kinder "zweier Vaterländer" auf, haben Wurzeln in beiden Ländern. Meine Nachbarn haben sich Dänemark als zweite Heimat auserkoren, eine meiner Freundinnen hat lange in Frankreich gelebt und nun einen Wohnsitz in Italien, ehemalige Kollegen arbeiten mittlerweile in den Niederlanden. Andere meiner Bekannten haben ein Feriendomizil in Österreich, Spanien oder Italien, in Griechenland, Frankreich, Polen oder Ungarn. Aber auch für diejenigen von uns, die weder einen ausländischen Partner noch Immobilien irgendwo im Ausland haben, ist Europa schon längst Teil des Alltags. Das beginnt bei Urlauben, Städtepartnerschaften, Klassenfahrten oder Studienaufenthalten und setzt sich bei unseren Essgewohnheiten fort. Längst haben Pizza und Pasta in unseren Küchen Einzug gehalten und stehen neben dem bayerischen Schweinsbraten ganz selbstverständlich auf dem Speiseplan. Der heimische Metzger bietet neben Leberkäse und Bratwurst auch Gyros an und beim Bäcker können wir außer dem traditionellen Schwarzbrot längst auch Baguette kaufen. Keine Frage: Unsere Lebensrealität ist in den vergangenen Jahrzehnten bunter und vielfältiger geworden.

 

Die Dinge verändern sich. Das haben sie zu allen Zeiten getan. Doch zugegebenermaßen selten so rasant wie in unserer Epoche. Manche von uns empfinden das als Bedrohung und so stellt sich die Frage, wohin die politische Reise gehen soll. Welchen Weg wollen wir wählen? Zu welchem Europa sind wir unterwegs? Soll es ein Europa der Grenzen sein, wie ich es aus meiner Kindheit kenne? Oder liegt unsere europäische Zukunft in einem respektvollen Miteinander und gegenseitigem Austausch zum Wohle aller? Erstmals in der Geschichte können wir Bürger mitentscheiden und mitgestalten, wie wir leben wollen und wie sich die Beziehungen zu unseren Nachbarn gestalten sollen.

Die Windelepisode ist damals zwar glimpflich abgelaufen. Der Zöllner hat uns durchgewunken. Das war aber keineswegs selbstverständlich. Kurz zuvor war eine harmlose Küchenmaschine Grund dafür gewesen, dass unser ganzes Auto an der Grenze einer gründlichen Kontrolle unterzogen wurde. Es war damals bereits Abend und dämmrig, ich war müde, meine kleinen Schwestern ebenfalls. Doch das hielt den Grenzbeamten nicht davon ab, in einer langwierigen Prozedur alles aufs genaueste zu inspizieren. Alle Koffer mussten geöffnet werden, bevor wir endlich nach Österreich einreisen durften.

 

In einer Familie hat jedes Mitglied seine eigene Geschichte. Darüber hinaus aber gibt es ein Band, an gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen, das alle verbindet. Im Idealfall bietet eine starke Familiengemeinschaft all ihren Mitgliedern Geborgenheit und Unterstützung in stürmischen Zeiten. Aber jeder von uns weiß, dass auch in der besten Familie nicht immer eitel Sonnenschein herrscht, dass man manchmal im Interesse des übergeordneten Ganzen Kompromisse eingehen und Kröten schlucken muss. Von Zeit zu Zeit kann es auch notwendig sein, Konflikte auszutragen, um schließlich im Idealfall eine für alle tragfähige Lösung zu finden. Keine Frage, das ist nicht immer nur schön. Es kann sogar gewaltig nerven – und nicht jede Familiengemeinschaft übersteht derartige Belastungen. Einige zerbrechen daran. Leidtragende sind dann letztendlich alle.

Die europäische Familie hat derzeit nicht nur mit dem bevorstehenden, in wesentlichen Fragen aber noch immer ungelösten Brexit große Belastungsproben zu bestehen. Doch trotz aller Schwierigkeiten, trotz manchmal langwierigem und auch nervenzehrenden Ringen um Kompromisse und Lösungen – ich möchte nicht mehr zurück in das alte Europa der Grenzen. Ich hoffe in unser aller Interesse, dass wir die Herausforderungen meistern und weiterhin unterwegs sind in ein friedliches und freies Europa, ein Europa, das seine kulturelle Vielfalt als Reichtum begreift, pflegt und im gegenseitigen Respekt gemeinsam weiter entwickelt.

 

 

© by Elisabeth Schinagl 2019

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