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Herr P. grüßt nicht

 

Die ersten Male hatte sie es einfach für einen belanglosen Zufall gehalten, ein Versehen. So etwas konnte vorkommen. Dann stellte sie erstaunt fest, dass sich die vermeintlichen Zufälle häuften. Und nun das. Sie waren eine ganze Zeit lang im selben, halb leeren Bus gefahren. Unmöglich, einander da nicht zu bemerken. Trotzdem tat er so als sehe er sie nicht, als wäre sie nicht zur selben Zeit mit ihm hier drinnen oder doch nur ein beliebiger, weiterer Fahrgast, eine ihm unbekannte Frau. Eine, der man keine Beachtung schenken musste. Sie versuchte, ihn mit ihren Blicken zu zwingen, sie wahrzunehmen, ihr einen kurzen Gruß zuzunicken. Immer wieder schaute sie ganz bewusst in seine Richtung. Er aber blieb bei seiner abweisenden Haltung, verzog keine Mine, tat als sei sie Luft.

 

Ausgerechnet er. Vor Jahrzehnten hatte er fast zur Familie gehört. Damals, als er neu hier war und noch keinen kannte außer sie und ihren Mann. Damals war er froh gewesen um so manche Einladung zum Mittagessen oder auf ein Glas Wein am Abend. Und jetzt das.

 

Plötzlich wurde ihr klar, dass der Grad ihrer Unsichtbarkeit, den sie bisher zwar geahnt hatte, aber nicht wahrhaben wollte, eine neue Qualität erreicht hatte. Nun war es endgültig nicht mehr von der Hand zu weisen: Sie war gesellschaftlich nicht mehr existent. Unsichtbar. Ein NICHTS.

Wann hatte der Prozess ihres Unsichtbarwerdens begonnen? Sie konnte es nicht genau sagen. Aber wenn sie jetzt so darüber nachdachte, dann waren die ersten Anzeichen dafür wohl so um ihren 45. Geburtstag herum bemerkbar gewesen. Damals wurden jedenfalls die bewundernden, halb begehrenden Blicke fremder Männer seltener und damit die Aufmerksamkeit, die man ihr entgegen brachte. Das war ihr nicht einmal unangenehm gewesen, im Gegenteil. Kein Geplänkel mehr, bei dem man ständig aufpassen musste, dass es nicht Ausmaße annahm, die kaum mehr handhabbar waren und zu peinlichen Situationen führten. Welche einigermaßen attraktive Frau wüsste nicht, wie anstrengend es bisweilen sein konnte, allzu aufdringliche Annäherungsversuche einigermaßen charmant abzuwehren. Nein, es hatte ihr wahrhaftig nichts ausgemacht, nicht mehr von fremden Männern beachtet zu werden. Sie war glücklich verheiratet. Das hatte sie zumindest gedacht und damit war sie zufrieden.

 

Dann kam die Scheidung. Nach über zwanzig Jahren Ehe verlassen für eine andere, natürlich eine Jüngere. Das war so klischeehaft und banal, dass es schon fast peinlich war. Es war in seiner Alltäglichkeit wahrhaftig nicht das, was man einen Schicksalsschlag nennen konnte. So etwas passierte vielen, jeden Tag. Das Scheidungsverfahren selbst war ebenfalls unspektakulär über die Bühne gegangen. Sie waren sich einig gewesen, das Haus zu verkaufen und hatten einen guten Preis dafür erzielt. Auch die übrigen Vermögenswerte wurden einvernehmlich geteilt. Das war's. Keiner von ihnen war zum Sozialfall geworden, jeder hatte seinen Job und ging seiner Wege. Er mit der neuen Partnerin, sie allein.

Die anteilnehmenden Fragen von Kollegen und Bekannten nach ihrem Befinden waren mit der Zeit weniger geworden, die Absagen, wenn sie vorschlug, sich doch wieder einmal zu treffen, etwas miteinander zu unternehmen, dagegen mehr. Die Gespräche, wenn man sich zufällig über den Weg lief, wurden kürzer. Die Einladungen seltener. Es war nicht mehr zu leugnen: Seit ihrer Scheidung war sie ein großes Stück einsamer geworden. Sie war der übrig gebliebene Teil eines einstigen Paars. Nutzlos wie ein einzelner Schuh.

 

Und jetzt hatte P. sie also einfach ignoriert. Hatte sie nicht sehen wollen. Hatte ihr mit seiner deutlichen Reaktion einmal mehr und unmissverständlich gezeigt, wie es um sie stand.

Mit einem Mal tat sie sich ungeheuer leid. Eine geraume Zeit saß sie einfach nur da, in ihrer neuen Wohnung, die noch nicht wirklich zu ihrem Zuhause geworden war, und heulte wie ein Schlosshund. Heulte und trank biligen Wein. Futterte Chips. Wenn sie ohnehin unsichtbar war, brauchte sie auch nicht mehr auf ihre Figur zu achten. Bei diesem Gedanken musste sie kurz lachen. Dann verfiel sie wieder in Selbstmitleid, heulte, starrte vor sich hin, trank und futterte. Nein, sie vermisste ihren Mann nicht oder zumindest nicht sehr. Aber ihr war bis jetzt nicht klar gewesen, in welchem Maß ihr eigener sozialer Status von ihm abhängig gewesen war.

Ihr Selbstmitleid verwandelte sich zunehmend in ohnmächtige, rasende Wut. Wut auf ihren blöden Ex, der sie sitzengelassen hatte und dem es in seiner neuen Beziehung offenbar gut ging. Wut auf P. mit seiner selbstgefälligen Arroganz. Wut auf alle ihre früheren Bekannten, diese vermeintlichen Freunde, die jetzt plötzlich keine Zeit und kein Interesse mehr hatten.

 

Ein Gedanke dämmerte herauf, formte sich zu einer beängstigenden Frage: Was war sie jetzt denn noch, wer war sie noch? Von einem Mann jenseits der fünfzig sprach man als einem Mann in den besten Jahren. War sie dann also eine Frau in den besten Jahren? Den Ausdruck hatte sie noch nie gehört. Und so, wie sie jetzt da saß, wäre es ihr selbst absurd vorgekommen, sich so zu bezeichnen. Ja, wenn sie sich und ihr Leben so betrachtete, dann traf so ziemlich genau das Gegenteil auf sie zu: Ausrangiert war sie. In die Ecke gestellt wie ein altes Möbel. Überflüssig. Nutzlos.

 

Draußen ging der Spätsommer allmählich in den Herbst über, auf Novembergrau folgte schließlich Schneefall. Sie nahm die Veränderungen kaum wahr. In ihrem Inneren drehten sich die ewig gleichen Gedanken im Kreis, da gab es keine Entwicklung.

Als die Tage wieder heller und länger wurden, bemerkte sie zu ihrem eigenen grenzenlosen Erstaunen viele solcher Frauen, wie sie inzwischen selbst eine war. Man begegnete ihnen im Bus und auf der Straße, in Läden und Praxen. Doch man nahm sie nicht wahr. Frauen, an denen jeder einfach achtlos vorbei ging, die niemand bemerkte, weil sie für niemanden von Bedeutung waren. Sie waren so unsichtbar als würden sie eine Tarnkappe tragen. Morgens gingen sie ins Büro oder ihre sonstigen Arbeitsstellen, abends wieder zurück in ihre Wohnungen. Kleine, graue Arbeitstiere. Das war's. Nützlich allenfalls noch als Oma oder zur Betreuung der ganz Alten. Aber im gesellschaftlichen Leben kamen sie nicht vor.

 Und jetzt war sie also eine von ihnen. Noch nicht einmal Enkel hatte sie. Und ihre Eltern waren glücklicherweise nicht auf ihre Hilfe angewiesen. Was war sie also? Eine unsichtbare, graue Maus, die niemand mehr brauchte und auf deren Gesellschaft niemand Wert legte. Ein Niemand.

 

Eine Frau in den besten Jahren? Sicher nicht!

Sie verkroch sich auch weiterhin in ihrer Wohnung wie ein verwundetes Tier in seiner Höhle und haderte mit sich und der Welt, war hin und hergerissen zwischen Selbstmitleid, Wut und Hilflosigkeit. Eine Frage quälte sie von Tag zu Tag mehr: Wo war die tatkräftige, unternehmungslustige Frau geblieben, die sie einmal gewesen war? Wann war die verschwunden? Wohin war sie verschwunden? Wann hatte sie begonnen, sich mit dem ewig gleichen Einerlei zu begnügen? Wann hatte sie sich in das unsichtbare Etwas verwandelt, das sie jetzt war? Die Frau, die keiner mehr wahrnahm.

 

In der Welt da draußen kehrten die Farben zurück, das Leben erwachte neu. Und sie? Sollte, wollte sie tatsächlich weiterhin in ihrem Schneckenhaus dahin vegetieren? Nur weil niemand sie mehr beachtete? Sollte das ihr künftiges Leben sein?

 Nein, sie konnte P. nicht zwingen, sie zu grüßen. Aber war sie deshalb zu einem Leben in Einsamkeit und Langweile verdammt? War sie dazu verurteilt, eine graue Maus zu bleiben, eine die niemand mehr wahrnahm?

Was lag, genau betrachtet, denn an seinem Gruß oder dem eines anderen? Der half ihr auch nicht weiter. Aber was oder wer half ihr denn überhaupt weiter?

 

Die unbequeme Erkenntnis lag klar vor ihr und auch wenn sie sich dagegen aufbäumte, so wusste sie die Antwort doch längst. Weder P. noch irgendein Märchenprinz würden kommen und sie aus dem Sumpf aus Langeweile und Einsamkeit befreien. Das konnte und musste sie ganz allein besorgen – oder eben drin versinken. Es lag an ihr, was sie mit sich und ihrer Zeit anfing. Nur sie allein konnte den Weg in ein neues Leben gehen. Sie musste sich aufmachen.

Und wer weiß, vielleicht würde sie irgendwann sogar Weggefährten finden – so wie bei den Bremer Stadtmusikanten, ging es ihr durch den Kopf. Etwas Besseres als den Tod findest du überall, hieß es da. Und das stimmte wohl. Etwas Besseres als jeden Abend allein in ihren trostlosen vier Wänden zu verbringen, würde sie da draußen irgendwann sicher finden. Vielleicht nicht sofort, nicht heute oder morgen. Aber irgendwann sicher. Und es war nicht einmal ausgeschlossen, dass sie sich irgendwann sogar doch noch fühlte wie eine Frau in den besten Jahren.

 

 

© by Elisabeth Schinagl 2019

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