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Ein Bankert in der Ruhmeshalle

 

 

 

 

Als meine Kinder noch klein waren, habe ich ihnen oft Märchen vorgelesen. In einem, war als Motiv wiederkehrende Verse eingefügt, die auf mich einen ganz besonderen Zauber ausübten.

 

 

 

Oh, du Falada, der du hangest,

 

Oh du Jungfer Königin, da du gangest,

 

wenn das deine Mutter wüsste,

 

das Herz tät ihr zerspringen.

 

 

 

Mit diesen Worten grüßt der abgeschlagene, an ein Tor genagelte Pferdekopf des Falada die ins Unglück gestürzte Königstochter und er symbolisiert damit die Liebe ihrer Mutter, die stärker ist als der Tod. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist in der Regel über alle Kulturen hinweg die engste Beziehung, die wir Menschen kennen. Nicht ohne Grund bezeichnet unsere Sprache einen Menschen, der völlig verlassen ist, als mutterseelenallein. Die Königstochter im Märchen ist eben in all ihrem Unglück nicht mutterseelenallein. Leider ist diese uneingeschränkte Mutterliebe im echten Leben nicht allen Kindern vergönnt.

 

Wenn das deine Mutter wüsste,

 

das Herz tät ihr zerspringen.

 

Diesen Satz könnte man gewissermaßen unter negativen Vorzeichen auch auf die Beziehung der Magdalena Pichler zu ihrem unehelich geborenen Kind, ihrem Bankert, anwenden. Nicht Kummer und Sorge um das Wohlergehen des Kindes, sind es, die das Mutterherz quälen, wenn man den Aufzeichnungen der Lena Christ Glauben schenken darf, sondern blanker Hass, vielleicht sollte man gerechterweise Hassliebe sagen.

 

Ausgerechnet die Büste dieser Tochter, des ungeliebten Bankerts einer Maurerstochter und Köchin stellte man als eine der ersten Frauenporträts überhaupt in der Bayerischen Ruhmeshalle auf. Wer sich auf die literarische Spurensuche nach dieser Frau begibt, wird nicht leicht fündig: Das Glonner Haus ist abgerissen, hier wie an anderen Stellen erinnern nur Hinweistafeln und Straßennamen an sie, der Mensch Lena Christ entzieht sich.

 

Bleibt also die Ruhmeshalle, sie mag ein ehrenvoller, aber sicher kein persönlicher Ort sein. Gerade darum aber erscheint sie mir für die Spurensuche nach dieser Frau so passend. Ihre Büste steht da inmitten von Geistesgrößen und Berühmtheiten und für mich ist sie nicht nur die Würdigung einer Schriftstellerin, der es als Autodidaktin wie keiner zweiten gelang, das Leben der einfachen bayerischen Landbevölkerung mit all seinen Licht- und Schattenseiten literarisch zu fassen, bevor diese jahrhundertealte Tradition endgültig von der Moderne überrollt wurde, nein, es ist darüber hinaus und fast mehr noch eine späte offizielle Ehrung für eine Überflüssige, Ungewollte, einen geschundenen Menschen, dessen Lebensweg fast von Anfang an verbaut war.

 

 

 

Wie ein unheilbringender Schatten bricht die Münkara Muatta 1886 in die Glonner Idylle des kleinen Handschusterleni ein: Da trat eine große Frau in die niedere Stube in einem schwarz und weiß karierten Kleide über einem ungeheueren Cul de Paris. Auf dem Kopf trug sie einen weißen Strohhut mit schwarzen Schleifen und einem hohen Strauß von Margeriten. Sie stand da, sah mich kaum an, gab mir auch keine Hand und sagte nur:“ Bist du auch da!“

 

Ein Jahr Aufschub ist dem Kind nach dieser ersten Begegnung mit der Mutter noch bei seinen Großeltern in einem liebevollen, behüteten Umfeld gegönnt, ein Jahr ländlicher Idylle und unbeschwerter Kindheit. Dann heiratet die Mutter und holt die Tochter zu sich. Ein Leben gerät ins Trudeln, aus dem glücklichen Kind wird ein Mensch, der wie ein Stück Treibholz in einem feindlich tosenden Ozean hin- und hergeschleudert wird, ein Mensch, der mit aller Kraft versucht, sich in einem unverständlichen Schicksal zurecht zu finden, das ihm doch keine Chance lässt, und an dem er schließlich zerbricht. Geliebt hat mich meine Mutter nie; denn sie hat mich weder je geküsst, noch mir irgend eine Zärtlichkeit erwiesen; jetzt aber, seit der geburt ihres ersten ehelichen Kindes, behandelte sie mich mit offenbarem Hass. Jede, auch die geringste Verfehlung wurde mit Prügeln und Hungerkuren bestraft, und es gab Tage, wo ich vor Schmerzen mich kaum rühren konnte. Die Tochter ist der lebende Beweis für eine jugendliche Dummheit ihrer Mutter. Sie stört ein Leben lang durch ihre bloße Existenz die bürgerlich heile Fassade der mütterlichen Welt.

 

Was folgt, ist eine Aneinanderreihung von Katastrophen: Furcht vor dem Zuhause, das keines ist, man bringt die Ausreißerin zurück, das Kind wird schwer krank, wieder Prügel, die Nachbarin holt den Schlosser, um das eingesperrte Kind zu befreien – und endlich bringt man sie wieder zu ihrem geliebten Großvater. Ein Jahr Ruhe, die körperlichen Wunden verheilen. Schließlich – inzwischen hat Leni zwei Halbgeschwister, um die sie sich kümmern muss – holt die Mutter die Tochter zurück und verspricht, sie in Zukunft besser zu behandeln.

 

Obwohl Leni eine sehr gute Schülerin ist, erhält sie nur die nötigste Schulbildung. Man braucht sie als Arbeitskraft – die Mutter ist noch einmal schwanger. Dann liegt der Großvater, Lenis emotionaler Halt, im Sterben. Sie sieht nur noch den Toten, weil die Mutter sie nicht mehr rechtzeitig zu ihm lässt. Das Mädchen verfällt in Depressionen, die Prügel gehen weiter. Vereinzelt gibt es Lichtblicke in dieser Düsternis: der Kinderchor, in dem sie Soli singen darf, ein Pfarrer, den sie heimlich liebt und der ihr Halt gibt.

 

Ansonsten scheint dieses Leben weiterhin seiner ihm eigenen, unerbittlichen Gesetzmäßigkeit zu folgen. Bei der Pflege ihrer an Diphterie erkrankten Brüder wird Lena selber krank. Wieder Prügel wegen ihrer mangelnden Leistungen (sie ist zu schwach), wieder Flucht von zu Hause, sie bricht zusammen und wird mit schwerer Lungenentzündung in ein Krankenhaus eingewiesen. Nach ihrer Entlassung wieder eine Zeit, in der die Mutter sie etwas besser behandelt. Der Leser ihrer Romanbiographie `Erinnerungen einer Überflüssigen` ahnt es: Es wird nicht lange gut gehen. Wieder folgen heftigste Misshandlungen und Lena, inzwischen 17 Jahre alt, möchte gerne Klosterschwester werden. Die Englischen Fräulein weisen die ledig Geborene ab, aber die Schwestern von Kloster Ursberg nehmen sie auf, denn sie benötigen Arbeitskräfte; die Anstalt besteht aus einem Blindenheim, einem Taubstummeninstitut, einer Heimstätte für alte, schwächliche Personen und einer Pflegeanstalt für Kretinen, Epileptische, Irre, Tobsüchtige und durch Ausschweifung Zerrüttete, sogenannte Besessene. Hier finden auch arme, kranke, missgestaltete sowie blöde, krüppelhafte und missratene Kinder eine Stätte. Aufgrund ihrer guten Noten und ihrer musikalischen Begabung wird Lena als Musikkandidatin aufgenommen. Doch nichts wendet sich zum Besseren. Lena leidet an dem strengen und scheinheiligen Klosterleben und verlässt die Einrichtung nach gut einem Jahr wieder. Wieder zurück als billige Arbeitskraft in die Gastwirtschaft der Eltern, wieder Schläge und Schikanen, schließlich ein Selbstmordversuch. Lena sucht sich eine Stelle und wird – für eine Bürgerstochter unüblich – Bedienung in der Floriansmühle. Obwohl sie hier gut behandelt wird und gut verdient, hat sie Heimweh. Die Mutter überredet sie zur Rückkehr. Lena ist jetzt im heiratsfähigen Alter und an Bewerbern für die hübsche junge Frau fehlt es nicht. Tatsächlich scheint in der Gestalt des künftigen Ehemannes sich das Blatt endlich zum Besseren zu wenden. Der Bräutigam stammt aus einem begüterten Haus und hat eine gute Anstellung. Die Hochzeit wird standesgemäß vorbereitet und Lena erhält eine ordentliche Mitgift, man richtet eine schöne Wohnung ein. Alles, wie es sich gehört. Unmittelbar vor der Trauung gibt die Mutter ihrer Tochter noch einen Segenswunsch mit auf den Weg: du sollst koa glückliche Stund haben, so lang´st dem Menschn g´hörst, und jede guate Stund sollst mit zehn bittere büaßn müaßn. Und froh sollst sei, wannst wieder hoam kannst, aber rei kimmst mir nimma. Jatz woaßt es!

 

Lena gerät vom Regen in die Traufe. Die Misshandlungen entwickeln sich zu Vergewaltigungen, drei Kinder werden auf diese Weise gezeugt. Dazu kommt ein unaufhaltsamer finanzieller Abstieg der Familie bis zum endgültigen Bankrott, schließlich die Scheidung. Und es wird noch schlimmer. Während der erstgeborene Sohn von den Schwiegereltern aufgezogen wird, ist Lena mit nun ihren zwei Töchtern eine der vielen namenlosen, gestrandeten Existenzen in der aufstrebenden Stadt München. Um ein Dach über dem Kopf zu haben, zieht die Familie in einen Neubau zum Trockenwohnen. Von den Wänden läuft das Wasser, Lena kann sich und die Kinder mit Schreibarbeiten nicht ernähren. Man bringt sie schließlich in ein Krankenhaus, die Kinder werden von der Fürsorge untergebracht. Sie ist am absoluten Tiefpunkt angelangt.

 

Die Gänsemagd im Märchen kann ihr Leid unterstützt durch die Liebe der Mutter beenden und zu Ehren gelangen, indem sie das erlittene Unrecht in Worte fasst. Es gibt eine Phase in Lenas Leben, da scheint ein ähnlicher Ausgang möglich – wenn auch ohne Unterstützung der Mutter: Lena lernt in dem Schriftsteller Peter Benedix einen Mann kennen, der ihr bislang unbekanntes erzählerisches Talent erkennt und fördert. Ihr autobiographisches Werk entsteht, aus Magdalena Leix, geb. Pichler, wird Lena Christ. Als solche findet sie Eingang in die literarischen Kreise Münchens und mit dem Buchhonorar gelingt auch der wirtschaftliche Neuanfang. Lena Christ und Peter Benedix heiraten, sie beziehen eine schöne Wohnung im gepflegten Münchner Stadtteil Gern. Benedix ist seinen Stiefkindern ein guter Vater.

 

Der Erste Weltkrieg katapultiert Europa unwiederbringlich in eine neue Weltordnung. Für Lena Christ bringt er allerdings zunächst Erfolg. Sie schwimmt mit ihrem Büchlein `Unsere Bayern anno 14` auf der Welle des Patriotismus. Im Frühjahr 1915 empfängt sie sogar der Bayerische König, man verleiht ihr Auszeichnungen.

 

Hier könnte die Geschichte enden, aber sie tut es nicht. Benedix wird eingezogen und mit ihm verliert Lena ihren psychischen Halt. Sie ist nun im wahrsten Sinne des Wortes mutterseelenallein. Sie beginnt eine unglückliche Affäre mit einem jungen Sänger, ihre Ehe wird geschieden, in den Wirren der Nachkriegszeit verkaufen sich ihre Bücher nicht mehr. So wird sie schließlich zur Kunstfälscherin. Der Schwindel fliegt auf, Lena sieht nun endgültig keine andere Lösung mehr für sich als die, die sie schon am Ende ihrer Lebensbeschreibung andachte. Oft war die Versuchung in mir aufgestiegen, dem Leben ein Ende zu machen; oft hatte ich am Abend den Hahn der Gasleitung zwischen den Fingern. Mit knapp 39 Jahren begeht sie Selbstmord.

 

Die Wünsche und Prophezeiungen der Mutter haben sich erfüllt. Aus der unehelichen Tochter wird eine Gestrandete, eine zweimal geschiedene Frau, eine Kriminelle, eine Selbstmörderin. Gesellschaftlicher Abschaum, der nach den moralischen Maßstäben der damaligen Zeit eigentlich dem Vergessen und der Namenlosigkeit preisgegeben würde – wäre da nicht ihr literarisches Werk, das alle Anfeindungen überdauert.

 

 

 

© by Elisabeth Schinagl 2018

 

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