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Francobaldi - Der Auftrag

Zu meiner großen Verwunderung empfing mich seine Exzellenz Fürstbischof Johann Anton von Zehmen höchstpersönlich, doch ohne die übliche Etikette. Er winkte mich einfach an seinen Schreibtisch, während der anwesende Schreiber unverzüglich hinaus befohlen wurde. Nun war ich mit seiner Durchlaucht alleine im Zimmer. Ich hatte den Fürstbischof zwar vorher noch nie leibhaftig zu Gesicht bekommen und kannte ihn nur von Gemälden, doch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, er wirke ungewöhnlich angespannt. Sein Gesicht schien auf unnatürliche Weise bleich.

„Nun mein lieber Francobaldi, danke, dass Ihr meiner Einladung unverzüglich gefolgt seid, mag sie auch äußerst ungewöhnlich erscheinen. Bitte setzt Euch, ich lasse sofort gewürzten Wein servieren, der wird uns bei dem feuchten Wetter wohl tun.

Nun seid Ihr ja schon einige Zeit in unserer Stadt, doch hatten wir noch keine Gelegenheit zum Disput. Ich höre, Ihr seid fleißig befasst mit der Gründung unserer Normalschule, wie es Euch aufgetragen wurde. Werde mir demnächst genau Rapport erstatten lassen, liegt mir die Sache doch sehr am Herzen. Das gemeine Volk ist erschreckend unwissend und kann oft kaum lesen und schreiben. Freilich, wie sollten sie’s lernen, wenn die Schulmeister selbst wenig zu ihrem Amte zu gebrauchen sind. Es mangelt an tüchtigen Leuten.

Doch deshalb habe ich Euch für den Moment nicht herbestellen lassen...“

Hier zögerte seine Exzellenz etwas, unruhig rutschte er in seinem tiefen Sessel hin und her und befühlte den Siegelring an seiner rechten Hand. „Wie gesagt, deshalb habe ich Euch nicht herbestellen lassen... Nun, Ihr wurdet mir, wie Ihr wohl wisst, von unserem hoch geschätzten Dompropst Graf Cobenzl empfohlen. Wir brauchen hier Männer, die sich schon ein bisschen in der Welt umgesehen haben, und Ihr bringt auch Erfahrung mit der Normalschule mit, die Ihr aus Wien kennt. Das ist gut. Wir könnten Euch inkünftig wohl auch gern als Archivarius anstellen.

Ihr seid wohl auch ein Freund der Musica, wie man hört. Cobenzl erzählt, Ihr hättet Noten für Kammermusik des berühmten Wolfgang Amadeus Mozart aus Wien mitgebracht. Hoffe gar sehr, dass mir einmal einiges davon zu Gehör gebracht wird. Freilich bin ich, meinem Stand entsprechend, vor allem ein Freund der geistlichen Musik und schätze, ehrlich gesagt, die alten Meister höher. Dieser Mozart ist mir zu modern, lieber ein Konzert von Marcello oder Telemann. Ich bin auch ein Freund Vivaldis.“

Bei all diesen Worten schien der Fürstbischof nicht recht bei der Sache zu sein und für eine derart belanglose Unterhaltung hatte er mich auch wohl kaum am späten Abend und auf so ungewöhnliche Weise zu sich kommen lassen. Etwas schien ihm auf der Seele zu lasten.

„Freilich, Eichstätt ist nicht Wien“, fuhr er zögerlich fort, „es gibt nicht allzu viel Zerstreuung hier und so, glücklicherweise, auch weniger Gefahr der Sittenverderbnis. Und doch, das Böse lauert, Gott sei’s geklagt, überall, es streckt seine Fallstricke nach uns Unglücklichen aus, es will uns in den Schlund der Hölle ziehen...“

Nun schien seine Exzellenz endlich auf der richtigen Spur, doch verstummte er sofort wieder, denn ein Bediensteter trug nun den dampfenden, gewürzten Wein und ein wenig Gebäck auf.

Schweigen machte sich breit, nachdem der Diener das Arbeitszimmer wieder verlassen hatte. Ich wusste nicht, ob oder was ich sagen sollte oder ob die Höflichkeit vielmehr gebot zu schweigen, wagte auch nicht, von dem köstlich duftenden Wein zu trinken, wie gerne ich es auch getan hätte. Mein Gegenüber aber war viel zu sehr in seine eigenen Gedanken vertieft oder besser gesagt darin verloren, als dass er meine Unsicherheit wahrgenommen hätte. Nichts war zu hören außer dem leisen Knistern im Ofen, der den Raum angenehm temperierte. Dennoch war mir nicht wohl in meiner Haut und mich fröstelte immer noch.

Endlich tauchte seine Exzellenz aus seiner Versunkenheit wieder auf und nahm schließlich einen Schluck aus dem kredenzten Becher, so dass auch ich mich endlich zu trinken getraute. Wohlig warm rann der Wein meine Kehle hinunter und wärmte mich von innen. Dennoch blieb ich weiterhin angespannt, ich konnte mir einfach keinen Reim auf diese ganze Situation machen.

„Ja“, nahm Johann Anton nach einer gefühlten Ewigkeit den Gesprächsfaden wieder auf, „Eichstätt ist nicht Wien, man möchte meinen, es ließe sich hier leichter regieren. Allein, wir leben in finsteren, gefährlichen Zeiten...“

Wieder verstummte er, nahm einen weiteren Schluck Wein, als ob er Anlauf nehmen wollte. „Schwierige, gefährliche Zeiten, lieber Francobaldi, und deshalb hab ich Euch zu dieser ungewöhnlichen Stunde und durch einen höchst ungewöhnlichen Boten hierher beordert. Es ist eine dringende Causa, bei der ich Eurer Hilfe bedarf.“

Mit diesen Worten zog er einen Brief hervor und gab ihn mir: „Diese Zeilen erreichten uns vor wenigen Stunden, lest selbst! Zuvor muss ich mich aber Eurer absoluten Diskretion und Verschwiegenheit versichern.“

Aus: Elisabeth Schinagl, Francobaldi