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Nebel

 

Der Blick aus dem Fenster zeigt kein Gegenüber, obwohl ich in einer der eng bebauten Gassen unweit des Marktplatzes untergekommen bin. Selbst bei Sonnenschein verbreiten sie einen gewissen Trübsinn, wenn man mit der Hand vom eigenen Fenster fast zu dem des Nachbarn greifen kann. Jetzt aber scheint es, als gäbe es außerhalb meiner öden Kammer überhaupt nichts mehr. Es herrscht Nebel, Nebel und noch mal Nebel. Undurchdringliches Grau, dass man die Hand vor den Augen nicht sieht – und das schon seit 14 Tagen.

 

Nie hätte ich gedacht, dass der Sitz eines Fürstbischofs so klein sein könnte. Als ich den Auftrag annahm, hatte ich mir die Stadt von der Größe ungefähr so wie Salzburg vorgestellt, den bekannten Schnürlregen hätte ich dabei gerne in Kauf genommen. Mag dieser den Ruf Salzburgs prägen, mein jetziger Wohnort könnte ohne weiteres Berühmtheit als Stadt des Nebels erlangen. Man könnte meinen, hier eine Form des Weltuntergangs zu erleben. Für einen ersten November mag die Witterung ja angehen, die Stimmung passt zum Gedenken an die Verstorbenen, doch scheint der Nebel hier ein Dauerzustand zu sein.

 

Es ist Sonntag. Die Glocke hat die vierte Stunde nach Mittag geschlagen, und es beginnt schon zu dämmern. Ich stehe in meiner Stube vor meinem wackligen Stehpult und beginne meinen Tagebucheintrag, heute ausnehmend früh. Aber bei Tageslicht – sofern man das so nennen kann – fällt er mir leichter. Heute wird er wohl eher philosophisch werden, denn es ist – wie immer – nichts passiert in dieser verschlafenen Residenzstadt, in die es mich verschlagen hat.

 

Aber Eichstätt, mag es sich auch Hochstift nennen, ist nicht Salzburg und es bietet nicht dessen Annehmlichkeiten, das habe ich inzwischen begriffen. Zwar bin ich erst gute drei Wochen hier, aber in dieser Zeit habe ich mir bereits unzählige Male die Frage gestellt, ob mein Entschluss, diese Stelle anzunehmen und Wien zu verlassen, richtig war.

 

Aus: Elisabeth Schinagl, Francobaldi